

Elektrische Blitze
pp. 254-272
in: Gabriele Brandstetter, Sabine Doering, Günter Blamberger (eds), Kleist-Jahrbuch 2007, Stuttgart, Metzler, 2007Abstract
Heinrich von Kleist hat wiederholt in seinen Texten auf naturwissenschaftliches Wissen Bezug genommen. Besonders die Elektrizitätslehre und ihre Gesetzlichkeiten tauchen an wichtigen Stellen seines essayistischen Werks auf. Kleist hat, wie dieser Beitrag zeigen soll, versucht, unter den medialen Bedingungen dichterischen Sprechens naturwissenschaftliches Wissen in neuen Erkenntnisgebieten fruchtbar zu machen. Im Besonderen war es die psychische Funktionalität des Menschen, die er aus elektrischen Kausalitäten erklären wollte. Dabei hat Kleist aber nicht bloß inhaltliche Wissenselemente vom einen auf das andere Gebiet übertragen. Vielmehr hat er auch den Modus dieses Wissens und seine epistemologische Valenz, nämlich die konstitutive Lückenhaftigkeit naturwissenschaftlicher Erkenntnis und deren unhintergehbare Vieldeutigkeit, übernommen. Diese Weise der Wissensübertragung hat auch Auswirkungen auf den Wissensstatus und Textcharakter von Literatur gehabt. Die Konsequenzen für die Dichtung und ihre Redeweisen werden besonders deutlich an der Metaphorologie des Blitzes. In radikalster Form hat Kleist diese Zusammenhänge im Text ›Der Griffel Gottes‹ verarbeitet, in dem durch die elektrische Wissenspoetologie des Blitzes auch der Schreibprozess des Schriftstellers neu verhandelt wird.